Kritik der Kritik

Eine Kritik der Kritik
Anmerkungen zur Aufführung von „Unterleuten“ in den Kammerspielen

Die positive Aufnahme des Abends durch Premieren-Publikum und General-Anzeiger wurde durch die überregionale Kritik (Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur, Dorothea Marcus im Deutschlandfunk, Gerrit Stratmann in WDR 3 Mosaik, Ulrike Gondorf in WDR 5 Scala) keineswegs geteilt. Stratmann berichtet immerhin, einen „markanten Abend“ erlebt zu haben und Dorothea Marcus befindet „Die Essenz von Juli Zehs Bestseller „Unterleuten“ in Theaterbilder zu fassen: Das ist Regisseur Jan Neumann gelungen.“ Doch der Grundton der Ausführungen von beiden bleibt der Zweifel; in ihren Augen kann der Abend letztlich nicht überzeugen. Laages und Gondorf hingegen holen zu einer Fundamental-Kritik aus, die fast kein gutes Haar an der Aufführung lässt. Der Bericht zum Interview von Laages im Deutschlandfunk setzt mit seiner Titel-Frage ein ganz  besonderes Ausrufezeichen: „ Max Moor – kann der wirklich spielen?“

Würde man die vier Kritiken zu einer Kritik vereinigen, bliebe kein einziger Aspekt der Theaterarbeit ungetadelt: Verkorkste Dramaturgie; schwache schauspielerische Leistungen; ein Protagonist, der sich – knarzend und knatternd – als peinliche Fehlbesetzung entpuppt; unpassendes Bühnenbild; ein viel zu lang geratener Abend, der gegen Ende nur noch Langeweile verbreitet. Eine Kritik dieser Kritik, die auf gleichem Niveau zurück holzt, dürfte nicht davor zurückschrecken, als Höhepunkte der kritischen Ausführungen einer Kritikerin peinlich bemühte Schluckgeräusche hervorzuheben. Dieser Hinweis erfolgt selbstverständlich ohne Namensnennung. Vielleicht hat der Leser Lust, sich alle vier Kritiken selber anzuhören. (Suche per Google oder sonstigem Browser mit dem Stichwort „Unterleuten“ samt Angabe des Senders, zum Beispiel WDR 3 Mosaik)
Die vier Kritiken haben eine Gemeinsamkeit: Sie bemühen sich nicht um Verständnis des Regie-Konzepts von Jan Neumann. Nun könnte man einwenden, dass eine überzeugende Aufführung sozusagen von selbst das Regie-Konzept verdeutlicht; kann die Aufführung nicht überzeugen, erübrigt sich das Verständnis des Konzepts. Wieso also sollte man sich um ein Verständnis der Mittel bemühen, mit denen der Regisseur sein Ziel erreichen wollte, aber nicht erreichen konnte? Das klingt logisch, ist aber bei näherer Betrachtung einfach nur borniert, denn Zweifel an der Unfehlbarkeit des eigenen Urteils werden nicht  zugelassen. Zum Beispiel könnte ein Kritiker, der ab und zu einen gesunden Zweifel an der Unfehlbarkeit seines Urteils pflegt, sich fragen, warum die Schauspieler immer wieder aus ihrer Rolle heraus schlüpfen und in der dritten Person über sich  berichten. Das stört zunächst, aber er könnte sich früher oder später – je nach Empfindsamkeit und Hellsichtigkeit seines Urteils und dem Versteinerungsgrad seines Unfehlbarkeitswahns – fragen, warum der Regisseur dem Publikum das zumutet, denn offensichtlich gehört es zum Regie-Konzept. Um die Absicht dahinter zu verstehen, müssen wir uns kurz mit einer Besonderheit der Romanvorlage beschäftigen. In „Unterleuten“ wird jedes Kapitel aus der Sicht einer jeweils anderen Roman-Figur erzählt wird. Mit diesem Kunstgriff macht Juli Zeh die Komplexität und Vieldeutigkeit des Geflechts sozialer Beziehungen in Unterleuten erfahrbar und begreiflich und führt den Leser zu einer Erkenntnis, die ihr wichtig ist: Jeder Mensch bewohnt
ein eigenes Universum, in dem er von morgens bis abends Recht hat. Eine naive Übertragung des Kunstgriffs auf das Theater ist, schon allein wegen der Vielzahl handelnder Figuren, nicht möglich. (Was mit wenigen handelnden Figuren möglich ist zeigt
zum Beispiel Akira Kurosawa in seinem Film „Rashomon“ aus dem Jahr 1950.) Wenn aber ein Schauspieler aus seiner Rolle schlüpft – wie das in Jan Neumanns Inszenierung von „Unterleuten“ geschieht – und in der dritten Person über das Handeln, Denken und Empfinden seiner Figur berichtet, so „erlöst“ er sie quasi aus dem Fluss der Zeit und typisiert sie – sie existiert unabhängig vom Geschehen auf der Bühne. Die Figur bekommt eine Art „alter ego“, das mit jedem erneuten Herausschlüpfen mehr an Tiefenschärfe gewinnt; im Verlauf der Vorstellung entsteht ein virtueller Kosmos von „alter egos“ der handelnden
Figuren. Verborgene Motive werden erkennbar, die dem realen Handeln und Sprechen der Figuren nicht zu entnehmen sind. Ich fand diese Übertragung des Kunstgriffs von Juli Zeh auf  die Theaterfassung sehr bemerkenswert und letztlich – nach anfänglicher Irritation – außerordentlich überzeugend. Es gibt noch viele weitere Beispiele für Nachlässigkeiten oben genannter Kritiker, zum Beispiel keinerlei fundierte Würdigung der Leistungen der beteiligten Schauspieler. (Ich fand
die Leistungen aller Darsteller überragend.) Es würde aber sicherlich viel zu weit führen, dies und weitere Themen im einzelnen abzuhandeln. Ich habe einen erhellenden, bewegenden und unterhaltsamen Abend erlebt, der sich mir tief eingeprägt hat. Mein Dank geht an alle Mitwirkenden,  gez. Konrad Lang
Darsteller: Max Moor, Bernd Braun, Laura Sundermann, Lydia Stäubli, Wolfgang Rüter, Matthias
Breitenbach, Philipp Basener, Wilhalm Eilers
Regie: Jan Neumann Bühne und Kosüme: Dorothee Crio Musik: Camill Jammal
Dramaturgie: Johanna Vater Inspizienz: Hans-Jürgen Schmidt Soufflage: Angelika Schmidt